Die Ratten (Michael Thalheimer) auf DVD
In einem Spalt, einem Rattengang, stets gebückt und im Halbdunkel lässt er die Menschen in ihrem Elend emotional verglühen. Olaf Altmanns geniales Bühnenbild wirkt wie ein Brennglas und intensiviert den Blick, schärft uns Augen und Ohren für das Geschehen an den Rändern der Gesellschaft, eine Gesellschaft, die es riskiert, die Schwächeren und Schwächsten fallen zu lassen, während die Starken das sinkende Schiff abnagen, bis nichts mehr dran ist. Und welch ein Ensemble steht Regisseur Thalheimer da zur Verfügung! Das Deutsche Theater in Berlin auf dem Höhepunkt seiner Leistungskraft.
Thalheimers „Ratten“-Inszenierung darf als ein Höhepunkt seiner ingeniös redundanzfreien Auf-den-Punkt-Bringe-Poesie gelten. Sie ist so karg wie stark. So fantastisch wie lakonisch. So gedankenschwer und universal wie leicht und konkret. Ein erhellendes Denk-, ein grandioses Mitfühlstück.
(Die Welt)
Besetzung
Frau John - Constanze Becker
Selma - Henrike Johanna Jörissen
Sidonie Knobbe - Katrin Klein
Walburga - Lotte Ohm
Frau Hassenreuther - Barbara Schnitzler
Pauline Piperkarcka - Regine Zimmermann
Alice Rütterbusch - Isabel Schosnig
Quaquaro - Michael Benthin
Bruno Mechelke - Niklas Khort
Harro Hassenreuther - Horst Lebinsky
John - Sven Lehmann
Erich Spitta - Mathis Reinhardt
Michael Thalheimer wurde 1965 bei Frankfurt am Main geboren und studierte ab 1985 Schauspiel im schweizerischen Bern. Als Schauspieler war er an verschiedenen Stadttheatern im deutschsprachigen Raum engagiert, darunter in Bern, Mainz, Bremerhaven und Chemnitz. Am Städtischen Theater Chemnitz brachte er 1997 seine erste Inszenierung heraus: Fernando Arrabals »Der Architekt und der Kaiser von Assyrien«. Andere Häuser wurden schnell auf die unverwechselbar präzise Handschrift des Regie-Neulings aufmerksam, es folgten Inszenierungen an den renommierten Theatern Basel, Leipzig, Freiburg. Thalheimers Regiearbeiten sind heute regelmäßig am Deutschen Theater Berlin und am Thalia Theater Hamburg zu sehen. Seit Sommer 2005 ist er Leitender Regisseur und Mitglied der Künstlerischen Leitung am Deutschen Theater Berlin. Michael Thalheimers Inszenierungen erhielten zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Innovationspreis des Fernsehsenders 3Sat für »Liliom« sowie den Berliner Friedrich-Luft-Preis, den Wiener Nestroy-Preis und die Moskauer »Goldene Maske« für »Emilia Galotti«. Viele seiner Produktionen wurden zum jährlichen Best of -Treffen der deutschsprachigen Bühnen eingeladen, dem Berliner Theatertreffen, zuletzt »Die Orestie« 2007. Sie sind zudem häufig bei internationalen Festivals wie den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen und dem Festival Iberoamericano del Teatro zu sehen und wurden zu Gastspielen in New York, Tokyo, Moskau, Rom, Kiew, Budapest, Belgrad, Prag, Madrid, Mexiko und Bogotá/Kolumbien eingeladen. Michael Thalheimer lebt und arbeitet in Berlin. Mit seiner Inszenierung »Die Ratten« von Gerhart Hauptmann war Michael Thalheimer 2008 erneut zum Berliner Theatertreffen eingeladen.
Constanze Becker studierte Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« und war vor ihrem Wechsel an das Deutsche Theater Berlin zur Saison 2006/07 an den Schauspielhäusern Leipzig und Düsseldorf engagiert. 2005 erhielt sie den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler im Bereich Theater. Sie arbeitete u.a. mit den Regisseuren Jürgen Gosch und Michael Thalheimer zusammen. Bekannt ist Becker auch aus Andres Veiels Dokumentar-Film »Die Spielwütigen«. 2008 wurde sie von der Zeitschrift Theater heute zur »Schauspielerin des Jahres« gewählt.
Henrike Johanna Jörissen wurde 1986 in Hamburg geboren. Derzeit studiert sie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin. 2005 spielte sie in »Frühlingserwachen« am Hamburger Schauspielhaus in der Regie von Nils Daniel Finckh. In der Rolle der Selma in Gerhart Hauptmanns »Die Ratten« gab Henrike Johanna Jörissen ihr Debüt am Deutschen Theater.
Katrin Klein wurde in Berlin geboren und erhielt ihre Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin. Seit 1979 ist sie Ensemblemitglied am Deutschen Theater und spielte u.a. unter der Regie von Friedo Solter, Frank Castorf, Lars Norén, Michael Thalheimer, Armin Petras und Barbara Frey. Auch in Film und Fernsehen ist Katrin Klein regelmäßig zu sehen, zuletzt u.a. in »Liberated Zone«, »23« und »Der Tangospieler«.
Lotte Ohm wurde in Lübbecke geboren. Von 1996 bis 2000 studierte sie Schauspiel an der Hochschule für Musik in Leipzig und spielte parallel zum Studium ab 1998 am Schauspielhaus Leipzig in verschiedenen Produktionen. Nach einem Engagement am Berliner Ensemble 2000 - 2002 gastierte sie am Staatsschauspiel Dresden und im Theater Freiburg und arbeitete mit Regisseuren wie Konstanze Lauterbach, Wolfgang Engel, Franz Wittenbrink und Phillip Tiedemann zusammen. Zu Ohms Film- und Fernseharbeit zählt u.a. Ben von Grafensteins »W wie Victor« (BR), zudem Produktionen von ZDF, Sat 1, Pro 7, der Filmakademie Ludwigsburg und der Hochschule für Film und Fernsehen München. Seit der Spielzeit 2005/06 ist Lotte Ohm festes Ensemblemitglied im Deutschen Theater. Hier arbeitete sie mit den Regisseuren Bettina Bruinier, Dimiter Gotscheff, Tina Lanik und Michael Thalheimer zusammen.
Barbara Schnitzler wurde 1953 in Berlin geboren. Ihre Ausbildung erhielt sie an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin. Nach einem Engagement am Berliner Theater der Freundschaft gehört sie seit 1976 dem Deutschen Theater an. Hier spielte sie u.a. mit Klaus Piontek, Michale Thalheimer, Jan Fosse und Philipp Preuss. Im Fernsehen ist Barbara Schnitzler u.a. durch ihre Auftritte in »Polizeiruf 110« und im »Tatort« bekannt.
Isabel Schosnig wurde 1972 in Oschatz geboren und wuchs in Leipzig auf. 1988 reiste sie aus der DDR aus und ging nach Stuttgart. Ab 1992 studierte sie an der Filmhochschule »Konrad Wolf« in Potsdam und ab 1994 Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn-Bartholdy« in Leipzig. Bereits während ihres Studiums gastierte sie am Schauspielhaus Leipzig, am Bayerischen Staatsschauspiel und am Deutschen Theater Berlin. Ihr erstes Festengagement führte sie 1998 wieder ans Leipziger Schauspielhaus. Seit 2001 ist Isabel Schosnig festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater. Sie arbeitete mit den Regisseuren Konstanze Lauterbach, Michael Thalheimer, Hans Neuenfels, Tina Lanik und Lars Noreen zusammen.
Regine Zimmermann wurde in Grünstadt in der Pfalz geboren. Sie besuchte die Otto-Falckenberg-Schule in München und war nach ihrer Ausbildung ab 1997 am Berliner Maxim Gorki Theater engagiert. Seit 2001 gehört Regine Zimmermann als festes Ensemblemitglied dem Deutschen Theater an. Zu Zimmermanns Film- und Fernseharbeiten zählt u.a. Caroline Links Film »Nirgendwo in Afrika«, der 2003 den Oscar für den besten ausländischen Film erhielt.
Michael Benthin wurde 1958 in Hamburg geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Seine ersten Engagements führten ihn an die Staatstheater Karlsruhe und Kassel, an das Landestheater Tübingen und an das Schauspiel Hannover.
Seit der Spielzeit 2000/2001 gastierte Michael Benthin regelmäßig am Thalia Theater Hamburg. Dort stand er mehrfach bei Inszenierungen Michael Thalheimers, Stephan Kimmigs, Hartmut Wickerts, Isabelle Osthues’, Florian Fiedlers und Andrea Udls auf der Bühne. Außerdem war Michael Benthin bei zahlreichen Film- und Fernseharbeiten u.a. bei den Fernsehreihen »Die Männer vom K3« und »Tatort« zu sehen. Seit der Spielzeit 2006/2007 ist Michael Benthin festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin.
Niklas Kohrt wurde 1980 in Luckenwalde geboren. Zunächst studierte er zwei Jahre Kultur-, Politik und Theaterwissenschaft, bevor er 2002 ein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin aufnahm. Nach seinem Diplom 2006 führte ihn sein erstes Engagement an das Deutsche Theater Berlin, wo er seit der Spielzeit 2005/2006 festes Ensemblemitglied ist. Hier arbeitete er mit Regisseuren wie Jürgen Gosch, Robert Schuster und Michael Thalheimer zusammen. 2008 erhielt er den Alfred-Kerr-Darstellerpreis für seine Rolle des
Bruno Mechelke in »Die Ratten« und wurde von der Zeitschrift Theater heute zum»Nachwuchsschauspieler des Jahres« gewählt.
Im Kino spielte Niklas Kohrt in »Knallhart«, stand in »Muxmäuschenstill« vor der Kamera und war in »Teenage Angst« zu sehen.
Horst Lebinsky wurde in Fürstenwalde geboren und besuchte die Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin. 1968 kam er ans Deutsche Theater, zunächst als Regieaspirant, dann als Ensemblemitglied. Er arbeitete mit Regisseuren wie Frank Castorf, Thomas Langhoff, Stephan Kimmig, Nicolas Stemann, Michael Thalheimer, Barbara Frey und Dimiter Gotscheff zusammen.
Sven Lehmann wurde 1965 in Borna geboren. Er studierte an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin. Nach seinem Studium war er von 1994 bis 1997 am Bremer Theater engagiert, zur Spielzeit 1997/98 wechselte er ans Bayerische Staatsschauspiel München. Er arbeitete mit Andreas Kriegenburg, Konstanze Lauterbach, Matthias Hartmann und Alexander Lang zusammen. Am Deutschen Theater spielte Lehmann in der Regie von Hans Neuenfels, regelmäßig mit Michael Thalheimer, sowie mit Thomas Schulte-Michels und Andreas Dresen. Zu seinen Filmarbeiten gehören Hans-Christian Schmids »23« und Margarethe von Trottas »Das Versprechen«.
Mathis Reinhardt wurde 1978 in Filderstadt geboren. Von 2003 bis 2007 studierte er Schauspiel am Mozarteum in Salzburg. Bereits während seines Studiums stand er am Landestheater Salzburg auf der Bühne und war bei den Salzburger Festpielen 2005/06 zu sehen. Sein erstes Festengagement führt Mathis Reinhardt an das Deutsche Theater Berlin. Im Fernsehen war Mathis Reinhardt in der ARD-Produktion »Die Versöhnung« zu sehen.
PRESSESTIMMEN
»Thalheimers »Ratten«-Inszenierung darf als ein Höhepunkt seiner ingeniös redundanzfreien Auf-den-Punkt-Bringe-Poesie gelten. Sie ist so karg wie stark. So fantastisch wie lakonisch. So gedankenschwer und universal wie leicht und konkret. Ein erhellendes Denk-, ein grandioses Mitfühlstück.«
Die Welt
»Eine Frau kämpft um ein Kind, das ihr nicht gehört - bis zum Untergang. Die Geschichte, die Gerhart Hauptmann 1911 in den »Ratten« dramatisiert hat, vergegenwärtigt Michael Thalheimer in Berlin groß und wuchtig. […] Ein riesiger schräg geschnittener Holzquader drückt vom Bühnenhimmel herab. Ein zweiter riesiger schräg geschnittener Holzquader presst sich von der Bühnenhölle herauf. Dazwischen lässt der Bühnenbildner Olaf Altmann gerade so viel Raum, dass sich die Figuren darin nur bewegen können, wenn sie die Köpfe einziehen. Lauter Gespenster mit Genickstarre. Gekrümmte, Gepresste. Aber nicht manieriert, ausgestellt, denunziert. Sondern in tiefer Not. Aus der heraus spielen sie.
Gestalten der Wirklichkeit, die völlig Unwirkliches an und mit sich erfahren, das ihnen Seele, Hirn und Herz zerreißt. Gleich zu Beginn sieht man ein kaltes, wie im blauen Totenlicht gefrorenes Krümmungsbild. Links Mutter John, die Constanze Becker mit grauen jeansartigen Hosen und im weißen Pullover als eine junge, fiebrige, leicht überanstrengte Frau von heute vorstellt, der das Leben unter den flatternden Händen verweht und die noch einmal nach etwas greifen möchte, egal was, am liebsten nach einem Kind. […] Regine Zimmermann als polnisches Dienstmädchen Pauline Piperkarcka in schwarzen Glitzerleggins und buntem Anorak überm hochschwangeren Bauch, totenbleich im
überschminkten Gesicht, klammert sich an die Frau, die ihr das gerade noch Ungeborene abkaufen will, wie an einen Muttertierfelsen, der ihr Halt gibt und an dem sie zugleich zerschellt. Die zwei Schauspielerinnen halten die Szene in ihrer ganzen Pein und Tragik und Jammerkomik vollkommen durch. Nichts wird hier kleingespielt. Es ist alles ganz einfach irrsinnig, tollwütig liebevoll und herzbeklemmend bestialisch. Wofür Bruno Mechelke, der kriminelle Bruder, in der Gestalt von Niklar Kohrt sozusagen die Oberstimme liefert, ein klatschnass gekämmtes, nasenblutiges, schweißfeuchtes Männchen, das den Bericht vom Mord an der Piperkarcka herausstottert, dass man den Schrecken erlebt, den der Schreckensverbreiter an sich selber spürt, die Abgründe sieht, in die dieser Geisterkerl
hinabschaut, wenn er andere dorthin stößt. Die Figur wird nicht zum proletarischen Underdog-Witz. Sie wird ernst genommen. Als Phantom. Genauso wie Kathrin Klein als drogensüchtige Nutte und Nachbarin Knobbe herweht wie die Weiße Morphiumdame im schäbigen Pelzmantel. Ernst die Lebensgespenster. Komisch die Kunstgespenster. Horst Lebinsky als Theaterdirektor Hassenreuter darf zwar seine Lieblingsschauspielerin Alice in Unterhosen erotisch attackieren und als Theateridealist seinen ungeliebten Theaternaturalismus-Schüler Spitta (»In den Staub! In den Staub!«), den heimlichen Verlobten seiner Tochter Walburga, fußstampfend des Dachbodens verweisen, ist aber für alle weiteren möglichen mimischen Anspielungen auf aktuelle Debatten ums Regietheater zu gemütlich - und zu geschmackvoll.
Während aber diesem Hassenreuter die Kunst im Kopf verdampft, ohne dass er es merkt, führt Sven Lehmann als Maurerpolier Paul John, tief in sich und seiner erregten Bierruhe hockend, mit hinreißendem Aberwitz vor, wie das ist, wenn einem noch jungen Mann erst die Arbeit, dann das Kind, das ihm die Frau unterschiebt, dann die Frau, dann aller Glaube, dann das ganze Leben unter den Händen zergeht. Lehmann, der den Gemütskerl-Papa lange im Brummbass ausmusiziert, stiert am Ende mit einer unsagbaren Verzweiflungslaune Löcher in die Luft, in die er Haken hängen könnte, umsich dran aufzuhängen. Er reibt minutenlang die Finger aneinander, als zerbröselten ihm da gerade, »Herrjott, Herrjott in Himmel, Mutter John hat sich umjebracht«, Himmel und Hölle auf einmal. So zeigt das traurige alte Stück mit seiner gespenstischen alten Geschichte und seiner seltsamen alten Sprache in dieser Aufführung, was es an großen, überwältigenden, wahnwitzschauderndenGefühlen noch aufrühren kann. Hier und heute. Wenn man an es glaubt. Hingerissener Beifall für Thalheimers Glaubensbekenntnis. Ovationen für die glaubenswürdigen Schauspieler.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung
»Dass man der Aufführung hellwach zusieht, liegt vor allem an zwei Schauspielern, die hier einen großen Abend haben: Constanze Becker und Sven Lehmann als Ehepaar John. Sven Lehmanns John ist ein Mensch, der gerne aufstampft. Je lauter er brüllt, desto alberner, hilfloser und trauriger sieht er aus. Es dementiert die beengende Bühne – und zeigt gerade dadurch ihre Gewalt. Constanze Becker ist als Frau John ein Ereignis. Wie schon als Klytämnestra in Thalheimers »Orestie« gibt diese erstaunliche Schauspielerin ihrer Figur eine beängstigende Härte, unter der man sorgfältig versteckte Gefühle und unerfüllte Sehnsüchte eher ahnen kann, als dass man sie zu fassen bekäme. Nie ironisiert sie die Figur, nie rutscht sie ab in die Denunziation oder in ihr Gegenteil, den Wunsch, eine herbe Frau sympathisch weich zu zeichnen. Noch in zarten Momenten, als sie der weinenden Pauline (Regine Zimmermann) das Gesicht streichelt und sie tröstend umarmt, verliert sie Kalkül und Herbheit nicht. Die proletarische Schlagfertigkeit der John, die Überlebensschläue, die selbstverständliche Rücksichtslosigkeit, das ständige Kämpfen darum, irgendwie durchzukommen und sich den verzehrenden Wunsch nach einem Kind doch noch zu erfüllen, das zeigt Becker mit atemberaubender Kraft und großer Klarheit. Erst ganz am Ende, als ihre Lügenkonstruktion kollabiert und der Bruder als Mörder verhaftet ist, gönnt sie sich Momente der Weichheit und des offenen ungeschützten Gefühls.
Plötzlich ist sie, jetzt, da alles verloren ist, den Druck los, der sie davor die ganze Zeit beherrscht hat. Fast wirkt ihr Scheitern wie eine Befreiung.«
Süddeutsche Zeitung
»Der Schlitz ist maximal ein Meter fünfzig hoch. Zwei monumentale Blöcke, in einem Hellbraun, das an billiges Packpapier erinnert, sind in die Bühne des Deutschen Theaters gerammt. Wir schauen hinauf zu einem überdimensionalen Schraubstock, der die Menschlein zwischen seinen Backen einklemmt, abquetscht, verstümmelt und am Ende zermalmt. Die Menschlein befinden sich in der Höhe und lassen sich doch von der schweren Bühnendecke erniedrigen. An aufrechten Gang ist nicht zu denken. Unter so einengenden Bedingungen wuchern die Gehtechniken: Rundrücken, schiefe Köpfe, eingeknickte Knie, vorgeschobene Hüften, herausgestreckte Hinterteile. Mal marschieren die Füße dem Leib voran, mal schleppen hängende Köpfe den Rest hinter sich her. Bühnenbildner Olaf Altmannhat einen atemberaubenden Extremraum gebaut. Der Einfall ist so großartig wie der ganze Theaterabend. […] Horst Lebinsky als Hassenreuter geht wie ein frischer Hexenschuss und hält den Theaterdirektor brillant in der Schwebe. Einerseits ist er die Knallcharge vom Dienst, andererseits flieht er mit seinen ewigen Betonungsübungen das kalte Leben, in dem es bald von toten Kindern wimmelt. […] Der ganzen wunderbaren Schauspielerei setzt Sven Lehmann als Herr John die Krone auf. Was immer aus der Schnauze des redlichen Proleten purzelt, verwandelt sich in Wahrhaftigkeit.
Mit den Händen auf den Oberschenkeln hat er sich eine Art Sitzgang zugelegt. Angespannt ist er den mysteriösen Aktionen seiner Frau auf der Spur. Die Mitteilung schließlich, dass Frau John tot ist, nimmt Herr John wie eine Ratte auf. Legt den Kopf schief, zuckt mit dem Blick, schnuppert und lauscht am Gesicht der Unglücksbotin herum. Die Hände lösen sich von den Oberschenkeln. Die Ratte macht Männchen. Herr John greift ins Nichts. Michael Thalheimer arrangiert Gruppenbilder wie lebendige Skulpturen. Die leisen Klaviertöne des Komponisten Bert Wrede schleichen sich in unsere Gemüter. Alles ist genau so komisch wie furchtbar.«
Berliner Zeitung
»Was die junge Becker - eine der Protagonistinnen aus Andres Veiels Dokumentarfilm »Die Spielwütigen« - da auf die Bühne wuchtet, ist schlichtweg ein Hammer! Und wenn Sven Lehmann als Ehemann, der seine Liebe erst begreift, als beide sich selbst - und erst recht einander – längst abhanden gekommen sind, sich am Schluss wie blind über die Bühne tastet, hat man einen der berührendsten liebestragödischen Momente gesehen, die deutsche Bühnen derzeit zu bieten haben.«
Spiegelonline
»›Die Ratten‹ von Hauptmann sind ein Glücksfall, und das Gelingen dieses beklemmenden Abends gehört, neben dem brillierenden Ensemble, zum großen Teil dem Bühnenbildner Olaf Altmann. Seine beiden monumentalen Holzflächen bilden einen Bühnenschlitz von geschätzter Einmeterfünfzig-Höhe, so dass die Schauspieler sich ausschließlich gebückt, mit abgeknicktem Kopf oder angewinkelten Beinen, also nur mit Qualen bewegen können und sich mit Betreten des Raumes automatisch in verrenkte, expressionistisch anmutende Elendsskulpturen verwandeln. Die Bühne ist aber nicht nur von genialer Einfachheit, sondern produziert auch einen fürchterlichen Ton. Hinter den minimalistischen Klavierakkorden von Bert Wrede und den schnell gesprochenen, sicher um die Hälfte reduzierten Hauptmann-Sätzen im derbsten Berlinerisch mit schlesischen Einsprengseln hört man die ganzen neunzig Minuten hindurch ein metaphysisches Knirschen. Was wäre, wenn die Decke doch
herunterkrachte und die Schauspieler wie Insekten zermalmte? Zu den zum Scheitern verurteilten Versuchen Frau Johns […] passt dieser quälende akustische Hintergrund nur zu gut. Anfangs bedrängt die John Pauline (Regine Zimmermann), ihr das noch im Bauch befindliche Kind zu überlassen – und drückt sich gleichzeitig fast hilfesuchend an sie: Denn die beiden sind durch ein spiegelverkehrtes Elend miteinander verbunden. Die John will mit dem erschwindelten Baby ihren abwesenden Maurerehemann aus Altona zurücklocken. Pauline will durch Abtreibung den verschwundenen Kindsvater bestrafen. Im zweiten Akt ist der Tausch vollzogen. Pauline kommt zurück, um der John zu sagen, dass sie nun doch beim Amt nur als Pflegemutter angegeben wurde. Das ist der Anfang vom Ende, denn auf den ersten Schwindel folgt ein zweiter – bis zum Mord.
Dass Mütter sich bekämpfen, weil sie, wegen der Männer, der Sitten, der Zustände, keine Mütter sein können: das ist der dramatische Kern des Stücks, den Thalheimer umso stärker herausstreicht, indem er die Frauen als durch Ohnmacht unterschwellig miteinander verbunden zeigt. Als Dritte in diesem Bunde hat Kathrin Klein als Witwe Sidonie Knobbe einen bewegenden Auftritt, Morphinistin und Mutter des kranken Babys, das am Ende stirbt. Eingehüllt in Pelz und Schminke hält sie, zitternd wie ein Windhund, den Monolog des Abends: ›Denken Sie nicht, mein besseres Fühlen ist in dem Sumpfe total erstickt, in den ich mich stürzen muss. Ich brauche den Sumpf, wo ich gleich und gleich mit dem Abschaum der Menschheit bin.‹ Trotz Verkommenheit und roher Sprache. Die Haut ist dünn wie die von Kindern. Nur Harro Hassenreuter, also Horst Lebinsky, kennt da nichts. Als ehemaliger Theaterleiter tobt er wunderbar schmerzfrei und lautstark mit Schiller-Zitaten um sich knallend wie ein Zirkusdirektor über den Dachboden, wo er seinen Theaterfundus untergebracht hat und seinem verhassten Schwiegersohn in spe Erich Spitta (Mathis Reinhardt) aufs herrlich Arroganteste Unterricht im Deklamieren gibt.«
Der Tagesspiegel
http://www.theateredition.de/die_ratten.html
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