--Von ddp-Korrespondentin Julia Spurzem--
Braunschweig (ddp). Durchaus «verrückt» kann man die Idee des Komponisten Karlheinz Stockhausen bezeichnen, ein komplettes Streichquartett in Hubschrauber zu verfrachten, um aus dem knatternden Lärm der Rotoren und der Musik der Streicher ein Konzert zusammenzustellen. In Braunschweig kam diese Idee jedoch beim Publikum durchaus gut an. Minutenlangen Applaus gab es nach der deutschen Premiere des «Helikopter Streichquartetts» am Sonntag am Braunschweiger Flughafen. Auch wenn die Töne von Stockhausens Musik teilweise etwas schrill und gewöhnungsbedürftig waren, fügte sich das Zwiegespräch zwischen Mensch und Maschine, zwischen Helikoptern und
Streichern, zu einem Gesamtkunstwerk zusammen.
Beeindruckend war dabei alleine schon die Mühe, mit der das Stück in Braunschweig aufgeführt wurde. Für die multimediale Inszenierung
war ein enormer technischer und finanzieller Aufwand nötig. Die Streicher des Staatstheaters Braunschweig hatten sich, jeder einzeln,
an Bord von vier Hubschraubern begeben. Der Klang der Streichinstrumente wurde mit den Rotorgeräuschen elektronisch abgenommen, zur Erde gefunkt und erst dort vom Tontechniker zu einer Gesamtkomposition zusammengemixt. Das von Kameras im Helikopter aufgenommene Bild der Streicher konnte das Publikum schließlich auf
Großleinwänden im Hangar betrachten und gleichzeitig der Musik zuhören, die selbst ohne das Geräusch des Hubschraubers an dessen
knatterndes Geräusch erinnerte.
Das Werk Stockhausens, das zu seinem monumentalen «Licht»- Opernzyklus gehört, begann beim Aufstieg der Hubschrauber mit einem
gleichförmigen «Tremolo» der Streicher. Erst ab einer gewissen Höhe fingen die Streicher an, die Komposition aus schrillem Auf- und Ab zu
einem Klangteppich zu entfalten, der durch gelegentliches geflüstertes aber auch laut gebrülltes Zählen der Musiker untermalt
wurde.
Für die Musiker des Braunschweiger Staatstheaters stellte die Aufführung indes eine besondere Herausforderung dar. «Das ist schon schwer. Das Drumherum bekommt man gar nicht mit. Ich starre nur in meine Partitur und konzentriere mich darauf», sagte der Cellist Karl Huros vor der Aufführung. Über Kopfhörer hören die Musiker während des Spielens nicht den Gesamtklang, sondern nur ihre eigene Stimme
und ein «Klickband», das den Takt vorgibt. Die Piloten müssen nebenbei durch ihre fliegerische Leistung überzeugen. «Das Wichtigste bei dem Ganzen ist, dass die Funkübertragung nicht abreißt. Wir fliegen in vorgegebenen Positionen in Kreisen in unterschiedlichen Größen und Höhen, um uns nicht ins Gehege zu kommen», sagte Pilot Wolfgang Schumacher.
Zum ersten Mal war das Werk 1995 im Rahmen des Holland Festivals uraufgeführt worden. Als deutsche Erstaufführung erklang das Streichkonzert gleich dreimal hintereinander in Braunschweig. Nach der streng reglementierten Aufführungsvorschrift des Komponisten
gelten nur drei Flüge mit wechselndem Publikum als eine Aufführung. Vor jeder Vorstellung erklärte Martin Weller, Orchesterdirektor des
Staatstheaters Braunschweig, kurz, wie das Stück Stockhausens zu verstehen sei. Nach seinen Angaben ist die Komposition Stockhausens
«eine Zusammenführung von Dingen, die nicht zusammenpassen.» Der 78 Jahre alte Komponist konnte nicht anwesend sein, da er mit Proben
beschäftigt war.
Vor der Aufführung in Braunschweig hatte es starke Kritik an dem Werk gegeben. Vor allem Umweltschützer hatten den Sinn und Zweck des
«Helikopter-Streichquartetts» angezweifelt. Doch für Johannes Denhoff, der die zweite Geige bei der Aufführung spielte, ist auch diese Kritik ein Element von Stockhausens Werk, das «der Komponist so gewollt hat». «Er sieht die Welt, wie verrückt sie ist.»
[So, den 17.06.2007]
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