--Von ddp-Korrespondent Michael Plote--
Gotha (ddp-lth). Die Welt unter dem Bühnenboden gleicht einem Labyrinth aus hölzernen Gestängen, Rollen und Seilen. Mit Muskelkraft bewegt Jürgen Weis die drei Wellbäume, die quietschen und knarren. Der Depotmeister des Gothaer Ekhof-Theaters kontrolliert die barocke Bühnenmaschinerie, die in Sekundenschnelle für wechselnde Bühnenbilder sorgt. Eine Parklandschaft verwandelt sich so in einen Säulensaal.
«Die Bühnentechnik funktioniert auch nach über 300 Jahren perfekt, das ist schon toll», sagt Elisabeth Dobritzsch, Kustodin für Theatergeschichte am Museum für Regionalgeschichte im Gothaer Schloss Friedenstein, zu dem das Ekhof-Theater gehört. Von 1681 bis 1687 ließ der regierende Herzog Friedrich I. von Sachsen-Gotha-Altenburg im Westturm von Schloss Friedenstein ein barockes Hoftheater mit einer «Kulissenschnellverwandlungsmaschine» einbauen. Die historischen Aufführungen lebten vom überraschenden Kulissenzauber und weniger durch ihre dramatischen Sujets, erläutert die Kustodin.
Sie legt selbst Hand an und demonstriert eine andere Besonderheit der Bühne. Auf dem Schnürboden kippt sie einen Korb mit hölzernen Kugeln in einen Schacht mit schräg angeordneten Fallbrettern. Die Kugeln poltern lautstark nach unten und erzeugen Theaterdonner wie vor 300 Jahren. Ähnlich verhält es sich mit der handbetriebenen Windmaschine, die authentische Geräusche macht und zum historischen Inventar gehört.
Auf den Bühnenbrettern im Gothaer Hoftheater standen in der Blütezeit im 18. Jahrhundert die berühmte Friederike Caroline Neuber, genannt die Neuberin, und der Namenspatron Conrad Ekhof, der als Vater der deutschen Schauspielkunst gilt und den die Theaterhistorikerin Dobritzsch gleichwertig neben Gotthold Ephraim Lessing einordnet. Der spätere Direktor des Königlichen Schauspiels Berlin, August Wilhelm Iffland, debütierte unter Ekhof am Gothaer Hoftheater. Johann Wolfgang von Goethe ließ sich von dem Bühnenzauber in Gotha beeindrucken und veranlasste, dass eine Kulissenschnellverwandlungsmaschine in sein Theater in Bad Lauchstädt (heute Sachsen Anhalt) eingebaut wurde.
Einen Theaterbrand habe es zum Glück nie gegeben, sagt Dobritzsch. Sicherheit habe schon bei den Fürsten eine große Rolle gespielt. Schlosstheater und historische Bühnentechnik blieben deshalb in Gotha über die Jahrhunderte weitgehend im Originalzustand erhalten, nur Verschleißteile wurden ausgewechselt. «Deshalb ist das Theater etwas ganz Besonderes. Wir sind ein sehr prominenter Vertreter in der Familie der historischen Theater in Europa», sagt sie über das älteste bespielte Theater mit barocker Bühnenmaschine in Deutschland.
Die Gesellschaft der historischen Theater Europas, deren Mitglied Dobritzsch ist, eröffnete im Herbst 2007 eine Europastraße historischer Theater. Die erste Tour mit zwölf exklusiven Bühnen führt durch Deutschland. Darunter befinden sich neben dem Ekhof-Theater Gotha auch das Liebhabertheater Schloss Kochberg bei Weimar und das Theatermuseum Meiningen. «Wir wollen noch stärker die öffentliche Aufmerksamkeit auf die unverwechselbaren historischen Theater lenken, gegenseitig unsere Schätze präsentieren», sagt die Theaterhistorikerin.
Jährlich wollen sich bis zu 100 000 Besucher vom barocken Bühnenzauber des Gothaer Ekhof-Theaters verführen lassen. Dobritzsch und ihre Kolleginnen machen Führungen und demonstrieren Teile der historischen Bühnentechnik. In voller Aktion erleben kann man den Kulissenzauber zum Ekhof-Festival «Reiseskizzen» mit seinen gefragten Theateraufführungen sowie Konzerten noch bis zum 24. August. Dabei müssen unter der Bühne gleichzeitig bis zu zehn junge Männer die historische Bühnenmaschinerie mit Muskelkraft bewegen, damit sich auf der Bühne die Kulissen in Sekundenschnelle verwandeln und das Publikum in Erstaunen versetzen.
[Fr, den 27.06.2008]
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