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Italienischer Theaterherbst in Berlin sorgte für ausverkaufte Häuser

Der 5. Italienische Theaterherbst begeisterte mit Produktionen der freien italienischen Theater- und Tanzszene, die sich durch große Experimentierfreude, eine außergewöhnliche Formensprache und radikale Ästhetik auszeichnete.

Gestern ging das einmonatige Festival mit Lewis Carrolls Alice e le meraviglie, einem Augen- und Ohrenschmaus, im GRIPS Theater zu Ende. Und so wie Alice sich von ihren Eltern emanzipierte und sich eine eigene Welt schaffte, so beeindruckte auch die junge italienische Off-Szene durch Phantasie und Einfallsreichtum.

Mit Originalität, Kraft und Sinnesfreude überwältigte die preisgekrönte Erstlingschoreographie der 21-jährigen Teodora Castellucci à elle vide die Zuschauer und war damit einer der Höhepunkte des Festivals. Der Tanz des roten Hahnes und des geheimnisvollen weißen Skorpions entwickelte eine Intensität, der man sich nicht entziehen konnte. Um die eigene körperliche Erfahrung von Musik ging es in Francesca Grillis Performance La terza conversazione. Ein taubstummer Sänger in einem Meer von Luftballons übersetzte gespürte Musik in Bewegung und vermittelte sie dem Zuschauer als Energie. Mitreißendes italienisches Theater also, das in Doppelprogrammen deutsch-schwedischen Produktionen gegenübergestellt wurde. Dieses kuratorische Konzept erwies sich als besonders fruchtbar, denn bis spät in die Nacht diskutierten in der Tanzfabrik Publikum und Künstler/innen über die unterschiedliche Ästhetik der nord- und südeuropäischen Tanzszene.

In den Sophiensaelen schuf die römische Gruppe Muta Imago mit Lev ein eindrucksvolles Bildertheater: In einer poetischen Installation aus Sand, Glas und Lichtprojektionen entfaltete sich die Geschichte eines russischen Soldaten, der nach einer schweren Kopfverletzung sein Gedächtnis verloren hat und versucht, sein inneres Universum wieder zusammen zu fügen.

Ein Theatererlebnis von verstörender Schönheit bot Homo Turbae im THEATER AN DER PARKAUE. Bei dieser ersten Arbeit der Tanzkompanie Mòra, die sich als Teil des bekannten italienischen Theaterkollektivs Socìetas Raffaello Sanzio versteht, durchlebte das Publikum zu Oliver Messiaens gewaltiger Orgelkomposition und den Musikarrangements des amerikanischen Komponisten Scott Gibbons, ästhetisierte Bewegungsetüden nach den strengen Vorgaben des metronomischen Tanzes. Homo Turbae zog die Zuschauer in seinen Bann, so dass sie im Anschluss an die Aufführung fast geschlossen den einstündigen philosophischen Ausführungen der charismatischen Gründerin und Choreographin der Truppe, Claudia Castellucci, zuhörten und über die Beziehung zwischen Zeit, Raum und Bewegung diskutierten. Und mancher, der auch à elle vide gesehen hatte, erkannte, bei wem Teodora Castellucci ihr 'Handwerk' gelernt hat und wurde Zeuge der Kreativität dieser berühmten italienischen Theaterfamilie.

Exzellente Schauspielkunst bewies die Compagnia Scimone Sframeli in La Busta in der Volksbühne im Prater. Dieses einzige dramatische Stück des Festivals erzählte von der Absurdität der Machtbeziehungen und von der alltäglichen Entmenschlichung.

Alle Produktionen waren deutsche Erstaufführungen und die Spielorte so vielseitig wie die Inszenierungen: Tanzfabrik, Sophiensaele, Volksbühne im Prater, GRIPS-Theater und das THEATER AN DER PARKAUE boten Spiel-Raum für diese geballte Ladung italienischer Kultur.


[Di, den 24.11.2009]

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