Für eine «Ära» reicht es wohl nicht - Jürgen Flimm verlässt die Salzburger Festspiele
--Von ddp-Korrespondent Georg Etscheit--
Salzburg (ddp). Die Verweildauer der Salzburger Festspielintendanten hat in den vergangenen Jahrzehnten beständig abgenommen. Während Herbert von Karajan 33 Jahre lang die Geschicke des weltbekannten Festivals bestimmte, kam Festspielerneuerer Gerard Mortier immerhin noch auf elf Jahre. Mortiers Nachfolger Peter Ruzicka hielt es dann fünf Spielzeiten an der Salzach, und Jürgen Flimm wird am Ende der Saison 2010 nach vier Spielzeiten dem Salzburger Festspielbezirk Lebewohl sagen, um sich seiner neuen Aufgabe als Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden zu widmen.
Flimm hatte Ende 2008 um vorzeitige Auflösung seines bis 2011 laufenden Vertrags gebeten. Das Kuratorium entsprach dem Wunsch nur zähneknirschend, schließlich gilt die Intendanz der Salzburger Festspiele in Österreich als staatstragende Aufgabe. Vor dem Festspielchef, so wird zuweilen gelästert, stehen eigentlich nur Bundespräsident, Bundeskanzler - und der Wiener Staatsopernintendant.
Über die Gründe von Flimms fast fluchtartigem Rückzug aus Salzburg wurde viel spekuliert. Der umtriebige Theatermann, der weltweit als Theater- und Opernregisseur tätig ist, Theaterchef in Köln und Hamburg sowie Leiter der Ruhrtriennale war, ließ jüngst in einem Interview durchblicken, dass ihn offenbar die ständigen Eingriffe der Politiker in seine künstlerische Richtlinienkompetenz zermürbt hatten. Alle Programme müssen nämlich vom allmächtigen Kuratorium abgenickt werden. «Letztlich können die Politiker ihnen im Spielplan herumfummeln», sagte Flimm resigniert.
Besonders gewurmt hat den «alten Theaterkutscher» (Flimm über Flimm) der Streit um Luigi Nonos Oper «Al gran sole carico d'amore», die im vergangenen Jahr auf dem Spielplan stand. Dreimal habe er für das Schlüsselwerk der Musik des 20. Jahrhunderts im Kuratorium werben müssen. «Das Stück ist 40 Jahre alt! Da habe ich nicht verstanden, wie man dagegen sein kann. Ein absolut tolles Stück, eine irrsinnig schöne Musik.» Flimm fürchtet, dass nach dem Willen der österreichischen Politiker die Festspiele irgendwann ganz ohne staatliche Zuschüsse auskommen sollen, was den Zwang zu populären Programmen verstärken und Experimente erschweren würde.
Von einer «Ära Flimm» wird man am Ende dieses Sommers wohl nicht sprechen können. Dafür gelang es Flimm nicht wirklich, den Festspielen seinen Stempel aufzudrücken. Sein direkter Vorgänger Peter Ruzicka hatte noch das Mammut-Projekt Mozart 22, die Aufführung fast aller Mozart-Opern zum Mozartjahr 2006 gestemmt, und durfte sich rühmen, Anna Netrebko den Weg zu ihrer Weltkarriere geebnet zu haben. Mit Claus Guths poetischer Inszenierung von Mozarts «Le nozze di Figaro» und Willy Deckers fulminanter «Traviata» mit dem Traumpaar Anna Netrebko und Rolando Villazón konnte Ruzicka zudem zwei Opernprojekte vorweisen, die nachhaltig im Gedächtnis blieben.
Flimm versuchte sich an dramaturgisch ausgeklügelten Programmen, die er stets unter ein Jahresmotto stellte. Er setzte Stücke jenseits des gängigen Repertoires auf den Spielplan, beispielsweise Joseph Haydns Oper «Armida», «Benvenuto Cellini» von Hector Berlioz, Georg Friedrich Händels Oratorium «Theodora» oder Gioachino Rossinis «Moise et Pharaon». Wider Erwarten wurden die Experimente vom Publikum durchaus goutiert: Flimm fuhr trotz Wirtschaftskrise ein Rekordergebnis nach dem anderen ein.
Schlagzeilen machte ein handfester, schließlich doch in einer Versöhnung mündender Krach zwischen Flimm und seinem Schauspielchef Thomas Oberender, der vermehrt österreichische Dramatiker ins Programm genommen hatte. Im Mittelpunkt der Theatersparte stand einmal mehr der «Jedermann» mit Peter Simonischek in der Titelrolle. Im vergangenen Jahr bereitete der Intendant dem Rekord «Jedermann» einen tränenreichen Abschied. An eine völlig neue Ästhetik für den Hofmannsthal-Dauerbrenner wagte sich Flimm nicht heran.
Einen guten Griff tat Flimm, als er den Pianisten und Musikmanager Markus Hinterhäuser, der unter Mortier das legendäre Avantgardefestival «Zeitfluss» organisiert hatte, zum Konzertchef der Festspiele machte. Hinterhäusers klug und beziehungsreich ersonnenen Programme wurden allseits mit Lob überhäuft. Zum Dank darf der 52-jährige 2011 für ein Jahr als Interimsintendant agieren, bevor der in Wien geborene Züricher Opernchef Alexander Pereira nach Salzburg wechselt. Mit ihm und Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler wird die Leitung der Festspiele nach mehr als 20 Jahren dann wieder fest in österreichischer Hand sein.
So, den 25.07.2010
weitere Informationen:
Oper, Konzert, Schauspiel, Tanz
Salzburger Festspielfonds
Theaterleitung
Intendant Alexander Pereira
Schauspieldirektor Sven-Eric Bechtolf
Musikdirektor Markus Hinterhäuser
Etat 49.100.000.- EUR
Zuschüsse 12.996.000.- EUR
Personal (saisonal) 3.145
Jahrespersonal: 193
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